Wer hat den besten Riecher beim Automobil?
Die Liebe zum Wagen geht durch die Nase.
Können Sie Ihr Auto noch riechen? Die Frage mag ungewöhnlich sein, aber rümpfen Sie beim nächsten Mal, wenn Sie die Seitentür aufmachen, ruhig die Nase. Sie werden merken: es gibt eine Menge Antworten dazu. Es ist der ultimative Test, ob die Chemie zwischen Ihnen und Ihrem fahrbaren Untersatz stimmt. Ob man sich noch riechen kann, ist tatsächlich beziehungsentscheidend.
Ein ewiger Schnupper-Kurs
Wer das für sich passende Automobil finden möchte, der muss den richtigen Riecher haben. Dreißig Millionen entsprechende Zellen, die sich alle vier Wochen komplett erneuern, besitzt die menschliche Nase. Jeden Monat empfindet man ihn also anders, den Duft seiner großen weiten Auto-Welt. Das ist auf keinen Fall zu vernachlässigen, denn das Riechen ist der stärkste der Sinne, die wir besitzen. Ohne diese Fähigkeit und die damit verbundenen Assoziationen könnten keine Emotionen entstehen. Mit 100.000 verschiedenen Gerüchen muss die Nasenschleimhaut klarkommen, und diese in angenehm und unangenehm unterteilen. Schon sind wir von der Biologie wieder bei der Car-ologie.
Der Zauber der Sprühdose
Mit das schönste Parfüm ist für den Autobesitzer der sogenannte Neuwagengeruch. Ursprünglich ein nicht wirklich gewolltes Nebenprodukt all der Kunststoffe, Klebstoffe, Teppiche, Leder, die in den ersten Wochen flüchtige organische Verbindungen ausdünsten. Komisch, dass uns gerade diese Gerüche als frisch vorkommen, obwohl sie genau das Gegenteil sind. Diese Marotte unseres Gehirns, in dem scheinbar der Wunsch nach einem ewigen prima Klima vorherrscht, führt zu einem beliebten Trick im Gebrauchtwagengeschäft. Für ungefähr 15 Euro gibt es eine Sprühflasche Autoluft-Erfrischer, die einen langanhaltenden Neuwagenduft hinterlässt. Kein Vergleich zu den serienmäßigen und austauschbaren Duftflakons, die Mercedes in der S-Klasse als Air-Balance-Paket mitgeliefert hat.
Duft ist nicht gleich Duft
Autos atmen, nach innen wie nach außen. Wie sie duften, ist kein Zufall. Die Automobilhersteller haben Fachleute und Testpersonen, die erschnuppern, ob ein Fahrzeug auch so riecht wie es reichen soll. Die olfaktorischen Begleiterscheinungen werden zunehmend wichtiger, der Duft zum Qualitätsmerkmal. Was es den Super-Nasen schwieriger macht, sind die kulturellen Unterschiede: Riecht in China ein Auto zu neu, wird es skeptisch beurteilt.
Die Wunderbaum-Plantage
Andere Länder, andere Duftbäumchen. Sie sind eine Art Schutzschild der weltweiten Taxi-Flotten. Gelegentlich führt eine Überdosis des in den Fünfziger Jahren in den USA erfundenen Ersatzteils zu leichtem Kopfweh der Fahrgäste, und nicht immer können Geschmacksrichtungen wie Kokosnuss oder Kirsche die Nikotin-Nuancen des vorherigen Fahrgastes oder des Fahrers ganz neutralisieren. Der Wunderbaum mit dem Aroma, das wirklich wirkt, nennt sich „Bubble Gum". Der haut einen um.
Von Charakteren und Geheimnissen
Längst ist das rollende Eau de Toilette auch zum Geschäftsmodell professioneller Parfümeure geworden, elegant zum Einstecken in die Lüftungsschlitze. Die Auswahl ist ähnlich individuell und anspruchsvoll wie bei den Duftwässerchen, die sonst auf die Haut kommen. Sie sollen, das versprechen jedenfalls die einschlägigen Hersteller, den Charakter unterstreichen. Bliebe nur zu klären: jenen der Autos oder den der Besitzer? Die leichte Reizüberflutung, die Geruchsrichtungen wie Waldspaziergang oder Meeresbrise mit sich bringen, kann ja auch gewollt sein. Am ehrlichsten wäre gelegentlich eine Duftmischung mit dem Titel: „Hier ist etwas passiert, über das wir nicht sprechen“. Merke: Der Geruch eines Autos speichert auch Geschichten.
Riecht es hier etwa nach Benzin?
Kein Wunder, dass Hersteller wie Kia und Ford, als sie ihre Modelle auf Elektroantrieb umstellten zur Markteinführung Lufterfrischer für alle mitlieferten, die den Geruch nach Benzin vermisst haben. Mit einem Augenzwinkern zwar, aber auch einem durchernsten Hintergrund: Kein Hersteller kann sich Kunden leisten, die die Nase voll haben von ihm.