Mit etwas mehr Bequemlichkeit ins weitere Camper-Leben
Wer sich in Jugendjahren in einen VW-Bus als Campingmobil verliebt, bleibt dem „Bulli“ für alle Zeiten treu. Oder vielleicht doch nicht? Passt der kompakte Klassiker noch zu Reisenden, die wie er an Jahren zugelegt und die ein oder andere Zeitspur haben? Die GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung mbH begleitet ein Ehepaar in eine Probewoche mit einem modernen Sechs-Meter-Kastenwagen auf Basis des Fiat Ducato – als mögliche Alternative zum selbst ausgebauten VW T3 von 1988.
Ein Gefühl der Jugend
Wenn das kein gutes Argument ist: „Im Bulli fühle ich mich jünger!“ So lautet ein erstes Fazit der WoMo-Testerin im Ducato. Diesen Pluspunkt sammelt der T3, festgehalten auf einem Blatt Papier, das minutiös sämtliche Vor- wie Nachteile im Vergleich zum modernen Wohnmobil verzeichnet.
Flotte Fahrt voraus
Das Ziel dieser Probefernfahrt während der noch kalten Wochen legt der Wetterbericht fest: So wird es nicht Venedig, sondern Barcelona. Es geht flott voran. Der Ducato schafft locker Dauertempo 130 km/h. Die beiden Reisenden erinnern sich an den gemütlichen Turbodiesel des T3 mit seinen 70 PS, der sich bei Tempo 90 besonders wohl fühlt. Doch nicht immer im Leben ist der Weg das Ziel. Und wenn der aus dem frierenden Heimatort ans Mittelmeer führt, steigt die Freude mit schrumpfender Entfernung. Mitunter beschert der Bulli zusätzliche Verspätung, denn der jahrzehntelange Einsatz fordert die eine oder andere Reparatur ein. Kein Problem für den erfahrenen Schrauber am Steuer – der dennoch freudig die Zuverlässigkeit des modernen Ducato genießt.
Gepflegte Unterhaltung
Das Dieselnageln des alten Bullis mag beruhigen. Aber sein Lärm unterminiert eine gute Unterwegsunterhaltung. Konzentriertes Radiohören ist erst recht schwierig. Im Ducato lassen sich selbst Podcasts leicht verfolgen. Erstens, weil der Geräuschpegel im Innenraum viel niedriger ist. Zweitens, weil Apple-CarPlay mühelos die Verbindung von Handy zur Soundanlage des Wagens herstellt. Die dient zudem als Freisprecheeinrichtung für den Austausch mit den Enkelkindern und am Abend als Klangkörper für Spotify-Jazz-Konzerte.
Alle Wetter
Mit einem VW-Bus ohne Standheizung ist Wintercamping keine gute Idee. Im Gegenteil: Die Campingsaison reicht allenfalls vom späten Frühling bis in den frühen Herbst hinein. Das moderne Wohnmobil hingegen schert sich nicht um Wind und Wetter. Salz auf den Straßen setzt ihm nicht zu, und den Reisenden bietet es behagliche Wärme. Das Bett im hinteren Teil bleibt bereitet, während auf dem Tisch der gemütlichen Sitzecke lokale Speisen glücklich machen. Angerichtet in der Zwei-Flammen-Küche mit Zutaten aus dem großzügig bemessenen Kühlschrank. Während der Standzeit sorgt die thermostatgesteuerte Dieselheizung für ein angenehmes Raumklima. Draußen sinkt das Thermometer auf Minusgrade, na und?
Einfachheit als Komfortersatz
Der T3 bietet ebenfalls Sitzbank und Tisch, bei hochgeklapptem Dach sogar Stehhöhe. Bei passender Wetterlage wird auf kleiner Flamme außerhalb des Bullis gekocht und unter dem einfachen Vordach gespeist. Einem insbesondere mit den Lebensjahren immer wichtigeren Argument kann der Alte im Test nichts entgegensetzen: Wenn des Nachts ein Toilettengang ansteht, genügen im Ducato zwei Schritte bis zur bordeigenen Nasszelle. In früheren VW-Bus-Zeiten gehörten die Spaziergänge über den Campingplatz zur Folklore.
Der Konter des Bulli
Ein paar Argumente kann der T3 noch ausspielen: Selbst in engen mediterranen Innenstädten findet sich ein Parkplatz. Zudem lässt er sich als Zweitwagen nutzen, etwa um die Enkelkinder von der Schule abzuholen. Der Transport sperriger Güter ist ebenfalls leichter möglich als im verschachtelt ausgebauten modernen Campingmobil.
Der Preis
Selbstverständlich ist für viele Paare die Budgetfrage auschlaggebend. Ein modernes Wohnmobil bindet eine Summe im mittleren fünfstelligen Bereich, und mit der Investition steigt der Wunsch nach Einsatzzeiten. Der alte T3 liegt im mittleren vierstelligen Euro-Korridor. Da fällt es kaum ins Gewicht, wenn er ein oder zwei Saisons abgestellt bleibt, weil sich seine Besitzer für Flugreisen oder Fernfahrten mit dem Motorrad entscheiden.
Die Entscheidung
Nach Auswertung der Plus-Minus-Tabelle am Ende der Reise wird weiter diskutiert. Nach einigen Abenden sagt die Dame des Hauses leicht genervt zu ihrem Gatten: „Entscheide Du, ich bin mit allem einverstanden!“ Nach einer unruhigen Nacht bestellt der Familienvater mit Blick auf die bevorstehenden Rentnerjahre einen neuen Ducato-Kastenwagen mit hübschem Wohnmobilausbau. Als Extra kommt ein Aufstelldach hinzu als Schlafplatz für die Enkel. Den Satz vom jugendlichen Gefühl im Bulli hat er freilich tief im Ohr: Der T3 darf bleiben – jedenfalls vorerst.