Frau allein mit Camper, immer nur nach Norden
6.000 Kilometer zwischen Traumstraßen und Tunnelpanik
Es gibt Reisen, von denen man jahrelang träumt. Norwegen war für mich genau so eine. Nur hatte ich gefühlt nie Zeit. Bis ich auf die sogenannte Wasserrohrbruch-Theorie stieß: Wenn zu Hause ein Rohr platzt, organisiert man im Nu schließlich auch alles irgendwie drumherum. Also blockte ich kurzerhand drei Wochen im Sommer und fuhr mit meinem 17 Jahre alten Camper allein Richtung Norden.
Technik-Check erspart Ärger
Einfach los! Im Taumel der Euphorie schwankend, holte mich eine Woche vor Reisebeginn jedoch die Check-Liste ein. Was ich aus Erfahrung sehr empfehlen kann: sich genügend Zeit nehmen, um alle technischen Vorbereitungen in Ruhe zu erledigen. Bei meinem alten Pössl-Camper, der auf einem Citroën Jumper basiert, waren es doch etwas mehr, als ich dachte. Während die Gasprüfung bei der GTÜ, die seit Juni 2025 alle zwei Jahre gesetzlich vorgeschrieben ist, noch ohne Probleme ablief, hatte sich die Bordelektrik einige Schikanen ausgedacht. Der Technik-Check von Elektrik, Batterie, Flüssigkeitsständen und Reifen lohnt sich in jedem Fall. Mein Glück war, dass das Wohnmobil meines Vaters denselben Elektroblock hatte, musste Daddy eben mal drei Wochen Camping-Pause einlegen.
Der Öresund wirkt befreiend
Der Ärger war spätestens dann vergessen, als ich die imposante Öresund-Brücke von Dänemark nach Schweden überquerte. Okay, bei starkem Wind könnte ich mir bessere Orte mit einem Camper vorstellen, aber der Weitblick ist einfach gigantisch: Hallo Freiheit! Deshalb hatte ich mich auch gegen die Fahrt mit der Fähre entschieden – ich wollte bewusst so viel wie möglich sehen. Die Fahrt durch Schweden mit Stopps an der Westküste, vorbei an Göteborg inklusive der wunderschönen Schären gehörte für mich dazu.
Verschwunden im Tunnel
Tja, nur hatte ich meine Rechnung ohne die norwegischen Tunnel gemacht. Panorama-Feeling? Fehlanzeige. Stattdessen fährt man kurz nach der Grenze 134 Meter unter dem Meeresspiegel durch den Oslofjordtunnel. Sieben Prozent Gefälle? Kurzer Panikmoment. Wie war das noch mit der Motorbremse? Die Beklemmung in dem schmalen, 7,230 Kilometer langen Bau bleibt erst einmal, bis es wieder bergauf geht. Eine Panne will man hier definitiv nicht haben, schon gar nicht, wenn einem einer der vielen LKW im Nacken klebt.
Schmale Straßen, lange Wege
Ursprünglich wollte ich bis zu den Lofoten im Norden des Landes fahren. Doch ein Bekannter, der in Norwegen lebt und arbeitet, warnte mich: „Du weißt schon, dass es nicht überall Autobahnen gibt und dass du auf den teils schmalen Landstraßen viel länger unterwegs bist?“ 400 Kilometer am Tag klingen wenig, können in Norwegen aber schnell sieben Stunden Fahrzeit bedeuten. Als ich die Südküste entlangfahre, weiß ich, was er meint. Teilweise fehlt der Mittelstreifen, und wenn ein Reisebus im steilen Kurvengeschlängel entgegenkommt, muss man schon mal rückwärts in die Ausweichbucht fahren. Zu zweit stelle ich mir das dann doch entspannter vor. Aber hey, immerhin bin ich in Norwegen.
Kurzfristige Änderung der Reiseroute
Unterwegs die Route zu ändern, macht Spaß. Ich spare mir zu lange Fahrtage und meide überlaufene Strecken wie den kürzlich wiedereröffneten Trollstigen-Pass. Eine wunderschöne und beeindruckende, aber auch steile Bergstraße mit elf Haarnadelkurven. Stattdessen entscheide ich mich für eine Route entlang der E6, die auch viel zu bieten hat. Zum Beispiel die gemütliche Hafenstadt Ålesund, bei der sich die 418 Stufen auf den Aussichtspunkt Aksla lohnen.
Jedermann darf hier parken
Dort übernachte ich, wie bei jedem meiner Stopps, auf einem Stellplatz. Natürlich könnte ich in Norwegen auch frei stehen. Hier gilt das sogenannte Jedermannsrecht (Allemannsretten), solange man 150 Meter von einem bewohnten Haus oder einer Hütte entfernt steht und sich entsprechend rücksichtsvoll verhält. Ich fühle mich zwar äußerst sicher hier, aber noch viel wohler in Gesellschaft einiger anderer Camper. Schließlich kann es nach ein paar Tagen alleine am Steuer auch mal etwas einsam werden, weshalb der kurze Plausch mit anderen Campern eine nette Abwechslung ist.
Apps, die das Reisen erleichtern
Bei genau so einer Unterhaltung erfahre ich auch, dass ich für die vielen Fährüberfahrten vorab einen Maut-Chip hätte bestellen können und damit 50 Prozent Rabatt bekommen hätte. Wobei wir wieder bei der Planung wären. Auf der Reise bekomme ich zudem den wertvollen Tipp, mir die App „Vegvesen“ aufs Handy zu laden. Sie enthält immer aktuelle Informationen zu Straßensperrungen – und davon gibt es in Norwegen wegen Steinschlägen und Ähnlichem immer einige, die nicht selten zu stundenlangen Umwegen führen. Ebenfalls hilfreich ist die Wetter-App „Yr“.
Im Zweifel hilft die Zimtschnecke
Unterwegs dazulernen, das gehört zu meiner großen Fahrt. Gerade auf langen Strecken fernab größerer Orte würde ich künftig auf folgende Dinge nicht mehr verzichten: Auffahrklötze, ein bisschen Werkzeug, eine Stirnlampe und Öl. Die Standardausrüstung für die Nerven, die hier und da bei überfüllten Stellplätzen und den vielen Unterwassertunneln strapaziert wurden: Zimtschnecken.
Die Straße durch den Atlantik
All die Nervosität ist vergessen, als ich mein selbst gestecktes Ziel erreiche: die Atlantikstraße. Sie ist ein beliebtes Fotomotiv und gehört zu den 18 offiziellen norwegischen Landschaftsrouten. Über 36 Kilometer führt sie den Camper mitten durch den Atlantik über sieben spektakuläre Brücken von Kårvåg bei Kristiansund bis nach Bud. Rund ein Jahr später träume ich noch immer von diesem Ort und dieser Reise – und vom nächsten Wasserrohrbruch. Natürlich nur theoretisch. Aber vielleicht kommt der ja schneller, als man denkt.