Die Seele baumelt am Rückspiegel
Zwischen Duftbaum und Rosenkranz wird das Auto zum Schaufenster.
Ein ganz normaler Himmel in einem Rollys-Royce besteht aus 1040 einzelnen Sternen, per Hand unters Autodach geklebt. So viel Aufwand kann und will nicht jeder treiben. Gibt es doch weit einfachere Möglichkeiten, für einen Wohlfühlfaktor und – vielleicht – auch ein bisschen Aufmerksamkeit zu sorgen. Gucken Sie doch einfach mal, ob sich am Rückspiegel nicht ein geeignetes Plätzchen findet. Was dort passieren kann ist noch viel individueller al die Sonderausstattung einer Luxuslimousine.
Der Duftbaum verflüchtigt sich nie
Vorweg eine Warnung, aus ästhetischen aber auch rechtlichen Gründen: Bitte den Rückspiegel nicht überladen wie einen Weihnachtsbaum. Denn der ist zuallererst immer noch ein Sicherheitsinstrument. Wird die Sicht des Fahrers eingeschränkt, droht ein Bußgeld. Offenbar aber hat gefühlt die Hälfte aller Autobesitzer hierzulande alles im Blick, obwohl der Rückspiegel verziert ist. Der Duftbaum ist kein Klischee, sondern gelebte Realität. Und inzwischen schon wieder ein Kultobjekt, wie augenzwinkernd die GTÜ-Version für die Heizr-Community zeigt.
Der Blick ins eigene Ich
Egal, ob da etwas riecht, baumelt, wackelt oder blitzt – der Blick zum Spiegel wird auch zum Fenster ins eigene Unterbewusstsein. Oder zur Pinnwand für die eigene Persönlichkeit. Die, die man ist, oder jene, die man gerne wäre. Manches geht auch tief ins Religiöse, wie beim Heiligen Christophorus, dem Schutzpatron aller Reisenden. Rosenkränze und Gebetsketten sind fast schon Standard. Unvermeidlich für viele sind Filzwürfel in Schwarz oder Pink, die ursprünglich aus der Hot-Rod-Szene in den USA stammen und von vielen als Aufforderung zu illegalen Autorennen genommen werden. (Bitte lassen, das ist nur ein Missverständnis!)
Warum hängt da eine CD?
Es geht aber natürlich auch viiiiieel persönlicher. Die getrocknete Blume von der ersten Urlaubsreise zu zweit. Der selbstgebastelte Anhänger aus dem Schullandheim der Kinder, das inzwischen selbst Auto fährt. Ein goldumrahmtes Bild von Opa, der das Auto bezahlt hat. Der Mensch fährt eben nicht allein – er nimmt Erinnerungen mit, auf Augenhöhe. Wenn da eine CD baumelt, handelt es sich allerdings eher um einen Trick, sie sollen Blitzer reflektieren und den Fahrer unkenntlich machen. Ob das wirklich je funktioniert hat, bleibt amtlich ebenso unbestätigt wie der vermeintliche Nutzen von Boxhandschuhen am Spiegel für den Kampf um den Supermarktparkplatz.
Ersatz für den Fuchsschwanz
Was hängt man auf, was hängt man nicht auf? Das ist keine Stilfrage, eher eine der Haltung. Wimpel aus der Heimat oder des lokalen Fußballklubs verraten mehr (und ehrlicher) über einen Menschen als jedes Linkedin-Profil. Der Babyschuh als klares Bekenntnis zur Familie, die Miniatur-Plüschversion des eigenen Hundes. Sehen und gesehen werden. Selbstverständlich darf das alles auch hinterfragt werden. Am Ende ist der Rückspiegel ein kleines Paradox: Er ist dazu da, den Blick nach hinten zu richten – und wird dennoch mit dem Schönsten geschmückt, was das Leben vorwärts gebracht hat. Lediglich um eine böswillige Unterstellung handelt es sich um die These, dass der Kult um den Spiegel nur damit zu tun hätte, dass den meisten Fahrzeugen heutzutage die Antenne für den Fuchsschwanz fehlt.