Elmar Brümmer
Freier Autor
1. September 2026

Der Daimler fürs Leben

Vor 50 Jahren prägte der Mercedes W123 das Straßenbild in Deutschland

Die junge Dame aus den USA stand völlig fassungslos vor dem Hauptbahnhof der GTÜ-Metropole Stuttgart, und das hatte nichts mit dessen Tieferlegung zu tun, was damals gerade erst erdacht wurde. Vielmehr war Karen, angereist für ein Fotoshooting, zunächst verwirrt und dann beinahe entsetzt über das Treiben am Taxistand: „In Deutschland fahren die Leute einen Mercedes als Taxi! Wirklich?" Sie konnte kaum glauben, dass sich auf der Vorfahrt ein weißgelbliches Auto mit Stern auf der Motorhaube an das nächste reihte. Alle in der Farbe Hellelfenbein, Mercedes-Farbcode DB 623, seit 1971 die Standardfarbe für das Fahrgewerbe. Noch legendärer als der charakteristische Lack war das Fahrzeugmodell selbst. Der Mercedes-Benz 123, der vor 50 Jahren auf den Markt kam, war als Vorgänger der E-Klasse nicht bloß ein Dauerläufer – er ist bis heute einer der beliebtesten Oldtimer hierzulande.

Ein Auto trifft den Zeitgeist

Der Preis für einen 200D betrug im Januar 1976 stolze 18.870 Mark, das lag knapp unter dem durchschnittlichen Bruttojahreseinkommen eines deutschen Arbeitnehmers. Dennoch waren die Wartezeiten lang. Das Modell traf genau den Nerv der Zeit, denn der W 123 verband höchste Verarbeitungsqualität und moderne Sicherheitstechnik mit zeitlosem Design und einer großen Zahl an Varianten, bis hin zum Leichenwagen. In den zehn Jahren Modelllaufzeit wurden von der Baureihe insgesamt gut 2,7 Millionen Exemplare gefertigt. Die meisten davon Limousinen, erstmals überhaupt hatte Mercedes aber auch einen selbstentwickelten Kombi im Angebot. Das T-Modell machte diese Art Auto erst gesellschaftsfähig. Die angesagteste Variante war der 240D, der etwa ein Fünftel aller Verkäufe ausmachte.

Das Taxi der Republik

Der Dieselmotor machte den W123 zu einem Dauerläufer, und auch die restliche Ausstattung war auf große Haltbarkeit ausgelegt. Kein Wunder, dass das Taxigewerbe auf den Mercedes setzte, sorgte er doch für Prestige und Praktikabilität gleichermaßen. Zumal Reparaturen damals noch günstig und oft selbst ausgeführt werden konnten. Ein vernünftiges Vergnügen also, mit einem Höchstmaß an aktiver und passiver Sicherheit ausgestattet. Solide, komfortabel und mit Chromstoßstangen. Für viele Fans war dieser Typ der letzte „echte Daimler". Legendär war die Laufzeit, die mit 300.000 Kilometern noch lange nicht das Ende bedeuteten, manchmal war das lediglich Halbzeit. Es gab nachweislich sogar Kilometer-Millionäre, viele der ausrangierten Taxen rollten auf dem afrikanischen Kontinent noch lange weiter. Weniger Produktversprechen, mehr Lebensplanung. Der Reihensechszylinder mit Bosch-Einspritzung im 280 E gilt als einer der kultiviertesten Motoren überhaupt. Kein Wunder, bezeichnet der Hersteller selbst den W 123 als „Alltagsheld". (Rallye-Sieger wurde er übrigens auch.)

Das berühmte Klack

Diesen Mercedes zu fahren, war Vertrauenssache. Schon das Schließen der Türen war eine akustische Garantieerklärung. Kein „plöng" oder „plong," sondern ein selbstbewusstes „Klack". Aufdringlich war dieses Auto nie, Chefarzt und Taxifahrer konnten dasselbe Auto bewegen. Der eine eben mit Velours und Sechszylinder, der andere mit Kunstleder und Diesel. Der sprichwörtlichen schwäbischen Vernunft, des sachlichen Designs und des milden Temperaments wegen liebten ihn die Droschkenfahrer, die ein gutes Gespür für die Unverwüstlichkeit hatten. Das Mercedes-Taxi prägte das Straßenbild Deutschlands wie kein anderes Auto, und wurde so erst zum Symbol für Solidität, Qualität und Langlebigkeit, darüber zum Kulturgut und dann zum Mythos.

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