Peter Thomas
Freier Autor
23. April 2026

70 Jahre Technikmodelle aus Kunststoff und Geduld

Was es für den eigenen Traumwagen braucht? Einige Dutzend Spritzgussteile aus Kunststoff, dazu Werkzeug, Kleber und Farbe, außerdem viel Geschick, Geduld – und flinke Finger. Dieses Rezept gilt in Deutschland seit 1956. Damals brachte die Tochtergesellschaft des amerikanischen Spielzeugherstellers Revell dort ihre ersten Bausätze auf den Markt. Längst ist aus dem Start-up der Wirtschaftswunderzeit ein Klassiker der Branche geworden.

Straßenkreuzer für Käferkinder

1956 waren auf deutschen Straßen noch viele Fahrzeuge mit technischen Wurzeln aus der Vorkriegszeit unterwegs: Bei Volkswagen lief die Produktion des Sympathieträgers Käfer seit zehn Jahren, Mercedes-Benz hatte den Bau der letzten 170er ( W 136) erst im Vorjahr eingestellt. Da wurden im Spielwarenhandel flammneue Autobausätze zu Botschaftern aus einer anderen Welt: Die amerikanischen Straßenkreuzer Cadillac Eldorado, Chrysler New Yorker, Ford Fairlane Sunliner, Buick Century 4-Door Riviera, Mercury Montclair und Continental Mark II durften ins Kinderzimmer kurven.

XXL im kleinen Maßstab

Alle Vorbilder waren groß, modern, luxuriös und hatten Weißwandreifen, alle Kunststoffmodelle waren topaktuell nach Vorbild des Pkw-Jahrgangs 1956 im Miniaturmaßstab verwirklicht. Einen visionären Zukunftsblick gewährte außerdem der Lincoln Futura: Design von Bill Schmidt, als Einzelstück hergestellt von Ghia, später zum Batmobil für den Film umgebaut.

Dem Kunststoff gehört die Zukunft

Hersteller der Sets war das US-Unternehmen Revell, gegründet von Lewis H. Glaser im Jahr 1943 unter dem Namen „Precision Specialties“. Das mit der Präzision stimmte. Denn Glaser setzte auf das Kunststoff-Spritzgussverfahren, mit dem er zunächst Haushaltswaren und Spielzeuge herstellte. Die Methode war deutlich genauer als das bislang übliche Tiefziehen von Blech für Spielzeugautos oder das Extrusionsblasverfahren für Kunststoffartikel. Der Schritt vom Fertigmodell hin zu Bausätzen aus besonders filigranen Teilen formte schließlich das Sortiment, das man bis heute von Revell kennt. In den deutschen Markt trat die Tochtergesellschaft mit Standort Bünde in Westfalen durchaus selbstbewusst ein: „Wenn Modell – dann Revell“ hieß ein Markenslogan im ersten Katalog.

Nicht immer kinderleicht

Die Revell-Bausätze waren keine Pfennigartikel, doch immerhin taschengeldtauglich im Vergleich zu teuren Konstruktionsspielzeugen wie etwa den großen Metallbaukästen. Dazu kamen die hohe Verarbeitungsqualität der Spritzlinge plus attraktive Vorbilder – das begeisterte kleine wie große Modellbauer. Allerdings klang das Bauen in der Katalogbeschreibung stets einfacher als es sich später am Basteltisch zeigte. Schließlich mussten alle Kleinteile entgratet, miteinander verklebt und schließlich das Modell lackiert werden. Das ist unverändert heute so. 2026 brachte Revell etwa das Sondermodell des ersten VW Golf GTI pünktlich zu dessen Marktstart vor 50 Jahren heraus.

Vom Modell zum System

Am Anfang standen allein die Modelle und deren Vorbilder im Vordergrund. Der erste Deutschlandkatalog packte noch Bilder des echten Continental Mark II auf die Titelseite. Das Coupé mit 6-Liter-V8 hatte John Reinhart entworfen, unterstützt unter anderem vom ehemaligen Duesenberg- und Cord-Stilisten Gordon M. Buehrig. Was aus heutiger Sicht verblüfft: Kein Wort über Kleber, Farben und Werkzeuge in der Broschüre. Die Beratung vertraute man wohl dem Fachhandel an. Drei Jahre später warb Revell dann aber doch für den eigenen „Styren‑Leim“ und eine „Farbgarnitur“ mit zehn verschiedenen Lacktönen.

Bauen an der Zukunft

Der Plastikmodellbau steht seit der Gründung vor 70 Jahren im Fokus von Revell. Aktuelle Modelle reichen vom 1971er Plymouth GTX aus „Fast & Furious“ über ein gewaltiges Flugfeldlöschfahrzeug von Rosenbauer bis zu Porsche 911 3.2 Coupé (G-Modell) und McLaren 570S. Außerdem im Programm sind Modelle von Flugzeugen und Schiffen, aber es gibt auch Miniaturen aus der Welt von Star Wars. Das Portfolio hat sich mit den Jahren immer weiter diversifiziert. So kamen funkferngesteuerte Modelle im Jahr 2008 dazu, der jüngste Neuzugang sind Modelle aus Klemmbausteinen. Da schließt sich ein Kreis. Denn Lego, Wegbereiter dieses Konstruktionsspielzeugs, wurde vom Kunststoffspritzguss inspiriert – der gleichen Technik, auf die Revell von Anfang an setzte.

Faszination Fahrzeug

Revell wurde 2018 von der Beteiligungsgesellschaft Quantum Capital Partners erworben und 2020 mit dem Rennbahnhersteller Carrera zur heutigen Carrera Revell Group fusioniert. Beide Marken verbindet die Faszination an Fahrzeugen. Die Kunststoffbausätze sind heute in fünf verschiedenen Schwierigkeitsgraden erhältlich, gestaffelt nach Alter und Modellbauerfahrung. Nicht geändert hat sich seit mehr als 70 Jahren der Spirit hinter dem Motto „Build your dreams“, mit dem Revell in seinen ersten Jahren warb. Kurios: Diesen Slogan verwendet heute ein chinesischer Hersteller als Markennamen für seine echten Autos. Ob er von Revell inspiriert ist?

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