Zwischen Patina und Perfektion
Worauf es beim Oldtimerlack ankommt
Der Lack ist weit mehr als nur die Farbe eines Oldtimers. Er ist die sichtbare Haut des Fahrzeugs, erzählt seine Geschichte und prägt den ersten Eindruck stärker als jedes andere Bauteil. Gleichzeitig gehört die Lackierung zu den besonders anspruchsvollen Themen bei der Restaurierung klassischer Automobile. Lackexperte Jürgen Book erklärt den Weg zwischen schönem Aussehen und einer erhaltenswerten Originalsubstanz.
Die GTÜ Classic-Partner stellen immer wieder fest: Viele heute erhaltene Oldtimer haben im Laufe ihres Lebens zumindest partielle Nachlackierungen erhalten, ein vollständig erhaltener Erstlack ist vergleichsweise selten. Das ist kaum verwunderlich. Schließlich werden Automobile nicht als Sammlerstücke gebaut und verkauft, sondern zum täglichen Gebrauch. Im Laufe von Jahrzehnten werden sie repariert, nachlackiert, umgebaut oder komplett restauriert. Nur ein kleiner Teil aller Fahrzeuge wird überhaupt erhalten. „Wer heute einen Oldtimer besitzt, hält meist ein Fahrzeug in den Händen, dessen Lack bereits eine bewegte Geschichte hinter sich hat“, betont Jürgen Book, ehemaliger Leiter Classic Cars bei Glasurit. „Gerade deshalb lohnt sich ein besonders sorgfältiger Umgang mit der vorhandenen Substanz.“
Patina oder Hochglanz?
Mittlerweile schätzen viele Liebhaber bewusst die sogenannte Patina – also sichtbare Gebrauchs- und Alterungsspuren, die den Charakter und die Authentizität eines Fahrzeugs unterstreichen. Andere Besitzer wünschen sich dagegen einen makellosen Lack, der den Klassiker in neuem Glanz erstrahlen lässt. Letztlich entscheidet der Eigentümer, welchen Weg er gehen möchte. „Wichtig ist nur, dass jede Maßnahme fachgerecht erfolgt und die historische Substanz möglichst respektiert und erhalten wird,“ sagt der Lackexperte Book.
So nah wie möglich an den Originalfarbton
Soll ein Oldtimer neu lackiert werden, stellt sich die Frage nach dem richtigen Farbton. Moderne Lacksysteme können historische Farbtöne und deren optische Wirkung recht genau wiedergeben. Soll darüber hinaus auch die zeittypische Oberfläche, der Glanzgrad oder der ursprüngliche Schichtaufbau reproduziert werden, können speziell angepasste oder historische Lackierverfahren Vorteile bieten. Spezialisierte Anbieter verfügen über große Datenbanken mit zigtausenden Farbtönen. Historische Fahrzeugfarben werden mithilfe historischer Herstellerunterlagen sowie durch die Zusammenarbeit mit Automobilfirmen, Archiven, Museen und Markenclubs rekonstruiert. „So originalgetreu wie möglich ist immer erstrebenswert“, sagt Book.
Genau hinschauen lohnt sich
Der Zustand einer Lackierung verrät oft mehr über das Fahrzeug, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Deshalb sollte jeder Oldtimer vor einer Restaurierung sorgfältig untersucht werden. Typische Hinweise auf frühere Reparaturen oder Schäden sind unterschiedliche Farbtöne einzelner Karosserieteile, Schleifriefen oder Lacknasen, Staubeinschlüsse, Krater oder Blasenbildung, feine Lackrisse sowie ungleichmäßige Oberflächenstrukturen. Der Lack kann zudem Schäden verbergen: Rost, Spuren früherer Unfälle oder unsachgemäße Reparaturen. Viele Hinweise erkennen GTÜ-Sachverständige sowie erfahrene Fahrzeuglackierer bereits bei einer gründlichen Sichtprüfung. Für eine verlässliche Beurteilung können ergänzende Prüfverfahren erforderlich sein.
Sonne, Vogelkot und Insekten hinterlassen Spuren
Nicht nur Alter und Reparaturen setzen einem Lack zu. Intensive UV-Strahlung kann historische Lackierungen spröde machen und feine Risse verursachen. Hinzu kommen Insektenrückstände und Vogelkot. Ihre chemisch aggressiven Bestandteile können insbesondere bei längerer Einwirkung und hohen Temperaturen Flecken oder Verätzungen verursachen und die Oberfläche dauerhaft angreifen. Spezielle Prüfverfahren können Schäden sichtbar machen, die mit bloßem Auge leicht übersehen werden.
Fazit:
Ob Patina erhalten oder komplett neu lackieren – vor jeder größeren Maßnahme sollte der tatsächliche Zustand der Lackierung eines Oldtimers sorgfältig bewertet werden. Die fachkundige Begutachtung kann vor teuren Überraschungen schützen und dabei helfen, den historischen Wert des Fahrzeugs zu erhalten. Denn eines gilt für alle Klassiker: Der Lack ist weit mehr als eine Schutzschicht. Er bewahrt die Geschichte eines Automobils – und verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit.