Elmar Brümmer
Freier Autor
31. August 2026

Was Autofahrer beim Schwimmen lernen könnten

Vom Beckenrand zur Straße ist es nur ein kurzer gedanklicher Weg.

Es gibt Menschen, die behaupten, Schwimmen habe etwas von einer Meditation. Man gleite lautlos durchs Wasser, konzentriere sich auf den eigenen Atem und finde zu innerer Ruhe. Diese Menschen waren offenbar noch nie an einem Ferientag im Freibad. Wer dort regelmäßig seine Bahnen zieht, der hat gelegentlich auch eine ganze andere innere Erleuchtung: Er merkt, dass ein Schwimmbecken nichts anderes als eine nasse Version des Straßenverkehrs ist. Mit allen Regeln, Marotten und Charakteren.

Immer im Mittelpunkt

Da wäre zunächst der Mittelspur-Blockierer. Im Wasser erkennt man ihn daran, dass er nie schnell genug schwimmt, um vorne wegzuziehen. Aber auch nicht langsam genug, um Platz zu machen. Einfach genau so, dass es hinter ihm zum aquatischen Stau kommt. Ein Typ, wie man ihn auf jeder dreispurigen Autobahn antrifft.

Einer schert immer aus

Dann gibt es die notorischen Blinker-Verweigerer. Im Schwimmbad kündigen sie ihre Richtungswechsel genauso wenig an wie manche Autofahrer das Verlassen eines Kreisverkehrs. Eben noch stur geradeaus – und plötzlich wird quer gewendet, diagonal ausgeschert oder unvermittelt am Beckenrand gestoppt. Wer dahinter schwimmt, braucht Reaktionszeiten wie ein Formel-1-Pilot.

Einfach keinen Mumm

Eine Spezies für sich sind auch die Zögerlichen. Sie stehen minutenlang am Beckenrand, beobachten jede Welle, warten auf den perfekten Moment und springen exakt dann hinein, wenn gerade jemand mit ordentlich Tempo angeschwommen kommt. Das erinnert frappierend an Menschen, die auf die grüne Ampel zurollen, vorsichtshalber vom Gas gehen, dann kurz vor der Haltelinie beschleunigen – und der Hintermann hat dann schon Gelb oder Rot.

Freie Bahn – aber nur für mich

Bei jenen, die im Wasser mitten auf der Bahn anhalten, um ein Schwätzchen mit Bekannten auf der Nachbarbahn zu beginnen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sie auch auf dem Fahrrad grundsätzlich nebeneinander fahren. Jeder Überholversuch und jeder Hinweis werden als persönliche Beleidigung empfunden, auf der Straße wie im Bad.

Ein Crash mit viel Chlor

Nicht zu vergessen die übermütigen Überholer. Manche scheren aus, obwohl von vorne bereits Gegenverkehr kommt. Im Becken endet das dann in einer eleganten Dreierkollision. Auf der Landstraße würde man am nächsten Tag davon in der Zeitung lesen. Wer weiß, wie schon ein unfreiwilliger Schluck Chlorwasser schmeckt, sollte das tunlichst vermeiden.

Die Schwimmschule als Fahrschule

Seltener, aber dafür besonders sympathisch sind hingegen jene Exemplare schwimmender Mensch, die tatsächlich mitdenken. Sie lassen Schnellere vorbei, ordnen sich ein, halten Abstand und schauen kurz, bevor sie wenden. Sie haben begriffen, dass der Schwimmverkehr nur reibungslos funktionieren kann, wenn man sich an die Grundregeln hält. Das nehmen sie dann wie ihre Sporttasche mit in den Straßenverkehr. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lektion: Rücksicht kostet weder Zeit noch Kraft und schont die Nerven. So bleibt das Freibad die perfekte Vorbereitung auf den Berufsverkehr. Wer dort eine Stunde unfallfrei übersteht, hat bereits das Training für die morgendliche Stadtautobahn absolviert.

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