Elmar Brümmer
Freier Autor
25. Juni 2026

Hundert Jahre Route 66 - Asphalt mit Sehnsuchtsfaktor

GTÜ-Blog on Tour: auf der Mutter aller amerikanischen Straßen

Chicago, ein früher Morgen, der Wind vom nahen Michigan See weht frisch. Gegenüber des berühmten Art Institute steht ein pompöser Wegweiser: „Historic Route 66 – Begin“. Der tatsächliche Anfang einer der berühmtesten Routen durch die USA liegt nicht weit entfernt, in der Adam Street findet sich das verbeulte Blechschild. Aber warum nicht herausputzen, denn in diesem Jahr feiert die Mutter aller amerikanischen Straßen ihren 100. Geburtstag.

Mitten ins Herz der USA

Wir fahren nicht einfach bloß einer Route im Navi durch acht Bundesstaaten hinterher, wir folgen einer Idee. Der Ur-Bewegung dieses Kontinents: Westwärts! Ein Asphaltband über 2.448 Meilen, das durchs Herzland der USA führt und am Strand der Träume im kalifornischen Santa Monica direkt am Pazifik enden wird. Es geht gemächlich los, und so soll es auch bleiben. Die Route 66 entfaltet ihren Zauber nicht mit einem großen Knall, sondern langsam, Meile für Meile.

Im Rhythmus der Country Roads

Wir reisen von der Wirklichkeit in den Mythos und wieder zurück, zwischendrin wird es sentimental, wenn sich in einem Laden, einer Kneipe oder einem Motel der amerikanische Traum entfaltet. „Take me home, country roads" wäre ein prima Lied fürs Auto, aber der Kultsong spielt leider in West Virgina, leider die entgegengesetzte Richtung. Für uns geht es durch Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien. Und schon dröhnt Nat King Cole durch die Lautsprecher: „Get your kicks on Route 66!" Jeder Staat, jeder Ort hat seine eigene Schönheit und gibt einen anderen Kick. Inzwischen sogar auch für Fahrradfahrer.

Diese Straße ist eine Berühmtheit für sich

Die berühmte Zahlenkombination ist entstanden, weil 1926 die 66 als Highway-Nummer in den meisten Staaten zu diesem Zeitpunkt nicht vergeben war. Heute sind die Ziffern offiziell nur noch eine Zierde, aus dem Highway-System verschwunden – aber jeder weiß, was gemeint ist. Mag sich auch Springfield in Missouri als Geburtsort der Route feiern, stammt die Idee doch vom Straßenplaner Cyrus Stevens Avery aus Tulsa in Oklahoma. Kennen Sie nicht? Ist auch nicht zwingend notwendig, obwohl das Städtchen ganz nett ist. Aber Tulsa fristet das Schicksal vieler anderer Orte: die Straße hat es es geschafft, berühmter zu sein als viele Städte, durch die sie führt.

Alles hat seine Zeit

Wir finden ein anderes Amerika, ein stilleres, vielleicht auch normaleres. Für Nostalgiker und Menschen, die gern lange Strecken fahren, ist die „Mother Road", wie der Autor John Steinbeck sie taufte, die Hauptschlagader des Fernwehs. Schnell voran kommt man auf den vielen alten Highway-Abschnitten nicht, aber wer hier lang will, der bringt ohnehin Zeit mit sich. Es geht ums unterwegs sein. Riesige Neonschilder künden von längst vergangenen Reisen, sie sind auch ausgeschaltet immer noch eine Zier. Tankstellen als Begegnungsorte, stilechte Diner, um mehr als nur den Hunger zu stillen. In besagtem Tulsa findet sich noch eine Phillips Gas Station im Look der Zwanziger. Tulsa, übersetzt: Alte Stadt, behauptet sogar der Mittelpunkt des Universums zu sein.

Viel Plastik, viele Versprechen

Was macht diese Straße so unwiderstehlich? Vielleicht die vielen überdimensionierte Plastikfiguren am Straßenrand – Riesenhäuptlinge, Riesenhotdogs, Riesenkellnerinnen, oder ein dreißig Fuß hoher Astronaut in Oklahoma, der aussieht, als hätte die Raumfahrtbehörde ihn versehentlich zu früh gestartet. Man fährt sie für Neon-Motels, deren Schilder seit 1962 dasselbe blinkende Versprechen machen: Vacancy, Color TV – vielleicht auch etwas Erleuchtung.

Den Mythos spüren

Zurück also auf die Straße, die für den Literaten Steinbeck „der Pfad eines Volkes auf der Flucht vor dem Staub und dem schwindenden Land" war. Verstaubt ist heute so einiges, manches aber auch aufpoliert. Fahren, sich verfahren, anhalten und ins Gespräch mit Fremden zu kommen, das ist tatsächlich – ganz wie früher – der tiefere Sinn einer solchen Tour. So hat diese Straße Geschichte geschrieben – und ist selbst zu einer geworden. Hundert Jahre sind für die Route 66 ein stolzes Alter. Für einen Mythos hingegen ist es gerade einmal die erste Etappe.

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