Für Kinder hat immer der Ball Vorfahrt
Kinder sind unberechenbar, insbesondere im Straßenverkehr. Das ist lediglich eine Feststellung, kein Vorwurf. Sie handeln einfach nach ihrer eigenen Logik, gerade, wenn sie dazu noch Schulanfänger sind. Wenn wir Erwachsenen von Kindern im Straßenverkehr vernünftiges Verhalten verlangen, geschieht das nach unseren Maßstäben. Aber Kinder müssen diese Vernunft erst entwickeln.
Wer ist hier unvernünftig?
Schließlich kombinieren auch viele Erwachsene bei der Gleichung Auto plus Entfernung plus Geschwindigkeit gelegentlich falsch. Das Kind sieht nur: Auto noch weit weg. Dazu kommen Ablenkungen, Impulse und eine noch nicht ausgereifte Koordination von Wahrnehmen und Handeln. Deshalb empfehlen wir den Perspektivwechsel: Vielleicht sind im Straßenverkehr gar nicht die Kinder die Unvernünftigen. Unvernünftig ist vielmehr der Erwachsene, der von einem Siebenjährigen erwartet, sich wie ein 37-Jähriger zu verhalten. Diese Risikofreudigkeit nimmt nicht nur wegen der stärker ausgebildeten allgemeinen Denk- oder Schlussfolgerungsfähigkeit ab, sondern durch die Entwicklung der sogenannten exekutiven Funktionen – also der Selbstkontrolle, flexiblen Aufmerksamkeit und der Fähigkeit, eine Strategie beizubehalten.
Das Leben im Augenblick
Kinder sind im Straßenverkehr nicht deshalb gefährdet, weil sie ungezogen wären. Wir Erwachsenen sehen Vorfahrt, Tempolimit, Einmündungen, Sichtachsen und Bremswege. Ein Kind sieht einen Ball, seinen Ball. Dem rennt es hinterher. Nicht aus Leichtsinn. Sondern weil das Spielzeug in diesem Moment das Wichtigste auf der Welt ist. Kinder leben in solchen Augenblicken. Sie planen keine fünf Sekunden voraus. Erwachsene nennen das unberechenbar. Kinder nennen das Dienstag.
Große Autos wirken langsam
In einer Versuchsreihe von Verhaltensforschern wollten 52 Prozent der Sechs- bis Sieben-Jährigen bei einer Verkehrslücke von drei Sekunden noch losgehen – obwohl sie selbst bei schnellen Gehen durchschnittlich 3,65 Sekunden für die Strecke benötigen würden. Autos wirken für Kinder oft sogar langsamer, weil sie größer sind. Das ist physikalisch Unsinn – aber psychologisch vollkommen nachvollziehbar. Dazu kommt die eigene Körpergröße. Wer kaum über die Motorhaube eines SUV schauen kann, sieht die Welt völlig anders. Das Kind sieht den Fahrer oft erst, wenn es schon fast auf der Fahrbahn steht. Der Fahrer sieht das Kind häufig genauso spät. Eine ungünstige Kombination.
Es braucht ein gesundes Misstrauen
Zumal, wenn es sich um Kinder in der Gruppe handelt, oder noch Fahrräder und Tretroller ins Spiel kommen. Einer macht es dem anderen nach. Mancher weiß gar nicht warum, macht aber vorsichtshalber mit. Frühkindliche Gruppendynamik, spontane Richtungswechsel inklusive. Wer sich dazu noch auf das Gleichgewicht konzentrieren muss, schaut gern einmal dorthin, wohin das Vorderrad gerade zeigt – oder auf die eigenen Hände. Tempo ist ohnehin etwas Abstraktes. Für den Autofahrer gilt daher nicht „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", sondern: Misstrauen ist die beste Fürsorge.
Die Rolle als Vorbilder
Zeit also, gerade so kurz nach den Ferien, die eigenen Beschwerden zu hinterfragen. Dieselben Erwachsenen, die bei Rot noch schnell über die Straße huschen, „es kommt ja gerade nichts". Die zwischen parkenden Autos queren. Oder mit gesenktem Kopf aufs Handy starren. Deshalb muss eine der wichtigsten Verkehrsregeln für uns lauten: Kinder lernen weniger aus unseren Ermahnungen als aus unseren Vorführungen.