E-Auto: Neu oder gebraucht?
Ob Ladeleistung oder Reichweite: Neueste Elektroautos können mehr denn je. Doch braucht man die Spitzentechnik unbedingt im Alltag? Wer sich heute für einen Stromer entscheidet, hat auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt eine große Auswahl. Die GTÜ gibt Hinweise, wann sich ein Neuwagen lohnt und wann ein Gebrauchter die bessere Wahl ist.
In fünf Jahren ist viel passiert
Wiedersehen mit den Stromern: Wer sich Anfang der 2020er-Jahre erstmals mit der Anschaffung eines reinen Elektroautos beschäftigte, wagte ein kleines Abenteuer: Überschaubare Modellauswahl, eine im Vergleich zum Verbrenner schwer einzuschätzende Reichweite und vor allem auf langen Fahrten die Notwendigkeit zur strategischen Planung von Ladestopps. Im Alltag fiel der Wechsel dann erstaunlich leicht, das Auto mit dem neuen Antrieb bewährte sich. Seither hat sich das Marktsegment mächtig weiterentwickelt. Nun steht die Wahl des nächsten BEV (Battery Electric Vehicle) an. Die wichtigste Frage dabei lautet: Soll es ein Neuwagen sein oder ein junger Gebrauchter? Die GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung kennt wichtige Hinweise für die Entscheidung.
Volles Programm
Beim Blick auf die Modellauswahl ist das Staunen groß: Das BEV-Angebot auf dem deutschen Markt hat sich innnerhalb von fünf Jahren locker vervierfacht. Und die Technik hat immense Fortschritte gemacht. Selbst in der Kompaktklasse werden heute Eigenschaften angeboten, die vor wenigen Jahren teuren Oberklassemodellen vorbehalten waren. Spricht das nicht ganz klar für ein neues Elektroauto? So einfach ist es nicht. Schließlich ist das Angebot auf dem Gebrauchtwagenmarkt ebenfalls erheblich gewachsen. Gerade über viele Flottenrückläufer gibt es zahlreiche junge Gebrauchte im Angebot, und deren Anschaffung kann sich wirtschaftlich lohnen. Denn drei Jahre nach der Erstzulassung werden viele E-Autos für rund die Hälfte des ursprünglichen Listenneupreises verkauft.
Weiter fahren, kürzer laden
Was sind die wichtigsten Innovationen aktueller Elektroautos? Besonders klare Fortschritte gibt es beim Laden und bei der Reichweite: Die durchschnittliche Reichweite nach WLTP-Norm ist um rund ein Drittel gewachsen, Modelle aus dem Spitzensegment kommen heute mit einer Akkuladung mehr als 800 Kilometer weit. Vielleicht noch wichtiger im Alltag der meisten Nutzer ist das komfortablere Laden. Aktuelle Fahrzeuge laden an Schnellladesäulen oft mit 250 kW und mehr. Dann wird die Batterie in 20 Minuten von unter 20 Prozent auf 80 Prozent gefüllt. Für Vielfahrer sind das starke Argumente für ein neues E-Auto mit topaktueller Technik. Gerade wer jedoch oft Kurzstrecken absolviert und zu Hause oder am Arbeitsplatz bequem und ohne Zeitdruck laden kann, braucht das häufig nicht zwingend. Denn der rechnerische Tagesdurchschnitt für die tägliche Fahrstrecke mit BEV in Deutschland liegt gerade einmal bei 31 Kilometer. Das schafft auch ein gebrauchtes E-Auto locker.
Eine Frage des Systems
Bei der Entscheidung zwischen elektrischem Neu- oder Gebrauchtwagen spielt die Energieversorgung zu Hause eine immer wichtigere Rolle. Moderne Elektroautos lassen sich zunehmend besser mit Photovoltaikanlagen (PV) und intelligenten Wallboxen vernetzen. Beim PV-Überschussladen wird der selbst erzeugte Solarstrom bevorzugt in der Fahrzeugbatterie gespeichert und senkt so die Kosten. Erste Modelle unterstützen bereits das bidirektionale Laden: An der Wallbox können sie Energie nicht nur aus dem Netz aufnehmen, sondern auch Strom wieder abgeben. So werden sie zum hauseigenen Stromspeicher oder dienen einer besseren Balance des Stromnetzes. Wer solche Möglichkeiten nutzen will, greift besser zu einem aktuellen E-Auto mit der entsprechenden Technik – noch ist die Auswahl der Modelle freilich klein. Auch Ladeeinrichtung und Energiemanagement im Gebäude müssen darauf abgestimmt sein.
Beim Gebrauchtwagen ist der Batteriecheck wichtig
Der Überblick zeigt, dass ein neues und technisch besonders fortschrittliches Elektroauto nicht automatisch die beste Wahl für alle Kunden ist. Vielmehr muss es zu den eigenen Bedürfnissen passen. Hier können gerade junge Gebrauchtwagen häufig punkten. Im Vergleich zur Anschaffung eines gebrauchten Verbrenners gibt es aber einen wichtigen Unterschied, nämlich den Zustand (SoH, State of Health) der Hochvoltbatterie. Der Traktionsakku ist eines der teuersten Bauteile des Fahrzeugs und bestimmt wesentlich dessen Reichweite. Mit zunehmendem Alter und bei hoher Laufleistung kann die nutzbare Speicherkapazität abnehmen. Deshalb sollte bei gebrauchten BEV der Gesundheitszustand der Batterie geprüft werden, insbesondere ihre verbliebene Kapazität. Diese wird als Prozentzahl im Vergleich zum Neuzustand angegeben.
AVILOO-Batteriecheck über die GTÜ
Die GTÜ bietet entsprechende Batteriechecks in Kooperation mit ihrem Partner AVILOO unabhängig vom jeweiligen Autohersteller an: https://www.gtue.de/de/privatkunden/e-mobilitaet/batteriecheck. Der Check ermittelt den Gesundheitszustand der Traktionsbatterie und dokumentiert die Ergebnisse in einem Zertifikat. Das schafft Transparenz beim Gebrauchtwagenkauf und kann dazu beitragen, mögliche Batterieprobleme frühzeitig zu erkennen und langfristig die Betriebssicherheit des Elektroautos zu unterstützen.