Die Heimat auf dem Nummernschild
Nur ein bis drei Buchstaben? Das Ortskürzel auf dem Kraftfahrzeugkennzeichen ist für viele Menschen viel mehr: ein Stück lokaler Identifikation. Künftig ist das vielleicht auch in deutschen Städten möglich, die bisher nie ein eigenes Kennzeichen hatten. Der deutsche Bundesrat setzt sich dafür ein. Professor Ralf Bochert von der Hochschule Heilbronn begleitet das Thema seit vielen Jahren wissenschaftlich. Er hat bereits die Liberalisierung von 2012 maßgeblich mit angestoßen und fördert auch den nächsten Schritt.
Kleines Blech, große Gefühle
Warum ist für viele Menschen das Ortskürzel am eigenen Auto oder Motorrad so wichtig? „Es geht dabei vor allem um Identifikation“, sagt Prof. Dr. Ralf Bochert von der Hochschule Heilbronn. Das Kennzeichen, in der einzeiligen Standardausführung für Automobile rund 570 Quadratzentimeter klein, ist also oft auch ein großes Stück Heimatliebe. Entscheidend dabei ist das „Unterscheidungszeichen“. So heißt offiziell das Ortskürzel, mit dem ein ziviles Kfz-Kennzeichen beginnt – von A wie Augsburg bis ZZ wie Zeitz im Burgenlandkreis.
Begeisterung für Forschungsthema
Mehr als 700 verschiedene dieser Buchstabenkombinationen, die für eine Kommune oder einen Kreis stehen, gibt es in der Bundesrepublik Deutschland. Dass es so viele sind, ist auch Prof. Bochert zu verdanken. Denn die sogenannte Kennzeichenliberalisierung von 2012 geht unter anderem auf Forschungsarbeiten des Volkswirts und seiner Studierenden in den Jahren 2010 bis 2012 zu den sogenannten Altkennzeichen zurück – die Ortskürzel ehemaliger Zulassungsbezirke, die nach den Gebietsreformen der 1960er- und 1970er-Jahren abgeschafft wurden. Die Forschungsfrage damals lautete: Ob es wohl ein Bedürfnis gäbe, diese Kennzeichen wieder einzuführen? „Schon die allererste Befragung war ein Aha-Erlebnis“, erinnert sich der auf Tourismusforschung spezialisierte Wissenschaftler: „Die Studierenden wurden von den Menschen geradezu enthusiastisch empfangen.“
Emotionale Bindung an MO und LEO
In rund 200 Kommunen untersuchten die Wissenschaftler aus Heilbronn damals die emotionale Bindung an ehemalige Kraftfahrzeugkennzeichen. 50.000 Gespräche später und bei einer Zustimmung von über 70 Prozent war klar: Ja, die positive Erinnerung an Ortskürzel wie MO (Moers) und LEO (Leonberg) war sehr lebendig und die betroffenen Menschen wollten die alten Kennzeichen gerne zurück. Das Heilbronner Forschungsvorhaben brachte so plötzlich ein Thema ganz ernsthaft in die öffentliche Debatte, das vorher medial und politisch höchstens mit ironischem Unterton behandelt wurde. Danach ging es schnell: 2012 kam die Liberalisierung, mehr als 300 alter Unterscheidungszeichen sind seither wieder zugelassen worden, und mehr als sieben Millionen Kraftfahrzeuge sowie Anhänger haben seither die „Heimatkennzeichen“ erhalten.
Bundesrat setzt sich für Kennzeichenvielfalt ein
Geht es nach dem deutschen Bundesrat, dürfte die Vielfalt der Unterscheidungszeichen künftig deutlich zunehmen. Im März 2026 sprach sich die Vertretung der 16 Bundesländer mit klarer Mehrheit dafür aus, die Vergabe von Kfz-Kennzeichen weiter zu liberalisieren. Künftig soll es auch Ortskürzel für Städte und Kreise geben, die bisher noch nie ein Kennzeichen besessen haben. Das ist zum Beispiel vielen bekannten Mittelstädten ein Anliegen, die bisher mit dem Kürzel eines Kreises Vorlieb nehmen müssen. Umgekehrt mag nicht jeder Kreis die Ortskennung einer Großstadt auf dem Kennzeichen tragen, in deren Einzugsgebiet er liegt.
Markenzeichen für die Stadt
Dieser zweite Schritt der Kennzeichenliberalisierung geht ebenfalls auf einen Impuls von Prof. Bochert zurück. Er sieht Potenzial für etwa 320 neue Kennzeichen und wirbt für das Vorhaben: „Man könnte so viele bereits identitätsstarke Teilräume mit einem Symbol versehen,“ sagt er. Dabei gehe es nicht nur um die Bürgerinnen und Bürger, sondern auch um die Kommunen. Schließlich sei ein eigenes Kennzeichen auch ein Markenzeichen für eine Stadt. Noch ist aber nicht abzusehen, wann der Vorschlag des Bundesrats umgesetzt wird.
Keine Probleme für die Praxis
Technisch gilt eine Erweiterung des bestehenden Systems der Unterscheidungszeichen als unproblematisch. Die Anzahl der möglichen sinnvollen Buchstabenkombinationen ist zwar begrenzt, auch müsste die Vergabe neuer Ortskürzel sorgfältig abgestimmt werden, um Dopplungen zu vermeiden. Aber schon heute gibt es ja erste weitere Kennzeichen in Deutschland, die aus Kapazitätsgründen eingeführt wurden: In München können seit Dezember 2023 Fahrzeuge auch mit MUC zugelassen werden. Und in Wolfsburg ist WBG als künftiges zweites Kennzeichen vorgesehen, allerdings noch nicht eingeführt.
Für die Verwaltungen bedeutet das einen überschaubaren Zusatzaufwand. Auch beim Wiedereinführen von Altkennzeichen nach 2012 wurden ja keine neuen Zulassungsbezirke eingerichtet oder eigene Behörden aufgebaut. Dafür war das positive Echo in der Bevölkerung umso größer. „Man hat es einfach mal gemacht, es hat fast nichts gekostet und die Menschen sind glücklich“, freut sich Prof. Bochert.