Elmar Brümmer
Freier Autor
27. Februar 2026

Das Schwarze Loch unter dem Armaturenbrett

Eine Kolumne über das größte Mysterium beim Autofahren.

Den Flug ins Weltall gibt es bald bei Amazon. Die Freiheit des Fahrens endet in der verkehrsberuhigten Zone. Das Auto wird bald autonom fahren. Demnach gibt es nicht mehr viele mobile Abenteuer. Bis auf das eine, große, bei dem selbst die Suche der Astronauten nach berühmten Schwarzen Loch wie ein Kinderausflug wirkt: wir meinen die unendlichen Tiefen des Handschuhfachs. Eines der letzten großen Geheimnisse der Menschheit.

Klappe auf, Klappe zu

Zeit für den Frühjahrsputz, und der beginnt mit einem kritischen Moment. Vorsichtig das Handschuhfach öffnen. Ganz langsam und sicherheitshalber mit leicht abgewendetem Blick – und hofft, dass einem bloß nicht alles gleich entgegenkommt. Die Hoffnung ist meist vergeblich. Parktickets mit Ablaufdatum 2021 (und das ist nicht die Uhrzeit), eine Sonnenbrille ohne Bügel und irgendetwas, das raschelt. Das Handschuhfach kann nicht antwortet, warum das alles schon so lange darin schlummert. Hätte sich der Mensch besser vorher fragen sollen. Aber es ist auch zu verlockend im ohnehin schon hektischen Stadtverkehr die individuelle Entsorgung nach dem einfachsten Prinzip zu betreiben: Aus den Augen, aus dem Sinn. Klappe auf, Klappe zu.

Woher der Name kommt

Dabei war das Handschuhfach einmal ein Ort der Klarheit. Ein Fach. Für Handschuhe. Als Keine Ladekabel, für die es längst keine Telefone mehr gibt, keine Ersatzmaskenkollektion aus Zeiten der Pandemie. Früher trug man Handschuhe, weil Autofahren ein zugiges Vergnügen mit kalten Fingern und öligen Überraschungen war. Wer ein Automobil bewegte, musste zupacken können – und danach wissen, wohin mit den Handschuhen. Ordnung war das halbe Fahren. Um 1900 fand sich so ein „glove department" erstmals in einem Packard.

Zum Wegwerfen zu schade

Auch in späteren analogen Zeiten musste viel mitgeschleppt werden – Werkzeug, Faltkarten, Eiskratzer – alles bekam irgendwie seinen Platz. Und irgendwann fand jemand das Fach unterm Armaturenbrett. Das Schloss, für das fortan jeder den Schlüssel suchen würde, machte es wertvoll. Der Schnickschnack sollte ja sicher bleiben. Handschuhe hatte da schon kaum einer mehr drin, dafür alle Kommissare und Ganoven im Film ihre Waffen. Bei den Normals häuften sich CD-Hüllen (mal mit, mal ohne Scheibe), auslaufende Kugelschreiber, Schokoriegel für den nächsten Stau. Zum Wegwerfen zu schade: Könnte ja noch nützlich sein.

Ein historischer Fund

Schließlich rückten die Airbags dem Stauraum zu Leibe, die Fächer von heute schrumpfen auf Postkartengröße, maßgeschneidert für Parkscheiben und Bedienungsanleitungen. Das schafft Probleme: wohin mit dem Krimskrams? Vielleicht in die Handtasche der Beifahrerin? Oder doch den wenigen Platz, den es noch gibt, aus- und aufräumen? Ganz unten bei der letzten Putzaktion findet sich dann, fast schon rührend, ein altes Paar Handschuhe. Es muss sich um einen Wink des Schicksals handeln.

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