Hupen – zwischen Warnsignal und Wutausbruch
Was ein Tüt von einem TÜÜÜÜT unterscheidet
Es gibt im deutschen Straßenverkehr ein Kommunikationsmittel, das älter ist als das Handy, direkter als jede WhatsApp-Nachricht und lauter als jede Diskussion am Stammtisch: die Hupe. Aber Vorsicht – wer damit zu mitteilsam ist, riskiert Geldstrafen.
Hupen ist eine Sprache für sich
Richtiges Hupen beginnt mit der Wissenschaft des Drucks, wie bei so vielem ist es eine Frage der Dosis. Ein kurzes, fast schüchternes „Tüt" bedeutet in der Regel: "Hallo, die Ampel ist grün, falls du das noch nicht bemerkt hast." Wer auf ein etwas längeres „Tüüüt" setzt, der fühlt sich vielleicht übersehen im Verkehrsgetümmel. Das ausgewachsene, mit der ganzen Handfläche durchgedrückte "TÜÜÜÜT" ist hingegen eine Botschaft an den Rest der Welt und signalisiert die eigene hochgekochte Empörung über die Unzulänglichkeit anderer Verkehrsteilnehmer.
Wer hupen will, muss manchmal büßen
Rein rechtlich ist die Lage eindeutig: Die Straßenverkehrsordnung (StVO) beschreibt die Hupe primär als ein Warnzeichen. Sie darf nur eingesetzt werden, wenn eine Gefahr droht oder um außerorts einen Überholvorgang anzukündigen. Besser also nicht wie bei einem Morsecode als tüt-tüt-tüt einsetzen. Davon löst sich der Stau vor einem allerdings ebenso wenig auf, wie das wiederholte Drücken der Lifttaste einen Hotelaufzug schneller herholt.
Die Hupe als Therapieersatz
Warum aber lassen wir uns überhaupt so leicht zum Hupen provozieren? Die ehrliche Antwort hat weniger mit Verkehrssicherheit zu tun als mit Psychologie. Im Auto sitzen wir geschützt, fast anonym, wenn das Kennzeichen nicht wäre. Die Person vorne, die gerade eine gefühlte Ewigkeit braucht, um beim Linksabbiegen die Lücke im Verkehr zu erkennen, wird für uns für diesen einen Moment zur Verkörperung allen Übels dieser Welt. Denn ein Auto kann wie ein Resonanzkörper Emotionen verstärken: Stress vom Arbeitstag, Zeitdruck auf dem Weg zum Fußballtraining, das Abholen von der Kita, das schon vor fünf Minuten hätte passieren sollen. All das sammelt sich im Innenraum und braucht ein Ventil – da kommt die Hupe als Therapieersatz gerade recht.
Es geht auch darum, selbst ruhiger zu werden
Hinzu kommt: Wer hupt, fühlt sich kurz im Recht. Ein kleiner, akustischer Beweis dafür, dass man selbst alles richtig macht. Das ist psychologisch betrachtet ungemein befriedigend – ein Mini-Sieg der eigenen Disziplin über das (vermeintliche) Chaos aller anderen. Studien zeigen tatsächlich, dass Hupen oft weniger der Gefahrenabwehr dient als der Selbstberuhigung: Man tut etwas, fühlt sich handlungsfähig, der Adrenalinspiegel sinkt ein bisschen. Das ist zwar erfreulich, erlaubt ist es deshalb aber noch lange nicht.
Wie Du mir, so ich Dir
Spannend wird es jedoch, wenn uns jemand anhupt, dann empfinden wir das meistens sofort als Frechheit, vielleicht sogar als Majestätsbeleidigung auf Rädern: „Was glaubt der eigentlich, wer er ist?" Bereits völlig verdrängt haben wir in diesem Moment, dass wir noch vor zwei Minuten selbst jemanden laut gegeben haben, weil der eine Schrecksekunde zu lange am Zebrastreifen stand. Also aus unserer Sicht völlig zurecht. Oder?
Hupen mit einer besonderen Note
Dann gibt es außerhalb der Hup-Saison während der WM- und EM-Jahre im Fußball noch einen anderen Ausnahmezustand: den Hochzeitkorso, bei dem das Hupen plötzlich vom verabscheuungswürdigen Vergehen zur moralischen Pflicht mutiert. Kontext ist offenbar auch beim Hupen alles. Völlig außer Kontrolle geraten die Dinge, wenn es zu einer Kettenreaktion kommt: Einer hupt, weil einer bremst. Ein Zweiter hupt, weil der Erste hupt. Ein Dritter hupt aus Solidarität, Verwirrung oder Verzweiflung. Nach wenigen Sekunden entsteht ein Hupkonzert auf der Kreuzung. Allerdings mit einem Orchester, bei dem jeder Musiker sein eigenes Notenblatt hat.