Exklusiv: Fahrbericht: VW Golf 1.5 e-TSI: Role Model mit Zicken

Foto: Auto-Medienportal.Net/Frank Wald

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Immer ärgerlich, wenn Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollen. Schlicht in den Wahnsinn treiben können sie allerdings, wenn sie alle paar Sekunden darauf aufmerksam machen, dass sie nicht funktionieren. So wie bei unserem VW Golf-Testwagen etwa, der bei jedem Neustart minutenlang wiederkehrend mit zermürbendem Piepton und Kontrollleuchten daran erinnerte, dass wahlweise der Travel- oder Emergency-Assist nicht verfügbar sei. Die Software- und Elektronikprobleme, die den Serienanlauf des neuen Golf Ende 2019 versemmelten, sind bekannt. Wie sich sowas anhört, haben wir damit nun auch erlebt.

Da wundert es kaum, wenn der bisherige Absatz immer noch weit hinter den Erwartungen zurück bleibt. Nach einem zwischenzeitlichen Auslieferungsstopp dümpelt der in Deutschland bis Ende Juli laut KBA mit knapp 77.000 Zulassungen um mehr als 37 Prozent hinter dem Vorjahreszeitraum, als der Golf 7 kurz vor seiner Ablösung stand. Dabei wird auch der Nachfolger in den klassischen Disziplinen Proportionen und Geräumigkeit, Material- und Qualitätsanmutung, Motor und Technik seinem Image als Role Model der Kompaktklasse mehr als gerecht.

Der Golf 8 mit tiefer gezogener Frontpartie und geschärfter Leuchtengrafik, ab sofort stets in LED, ist um zwei Zentimeter auf 4,28 Meter angewachsen und bietet bequem Platz für vier, mit Einschränkungen auch für fünf Menschen plus 380 Liter Gepäck. Armaturen, Verkleidungen und Softtouch-Oberflächen fassen sich – von einigen Hartplastikteilen abgesehen – gut an und wirken hochwertig verarbeitet. Und mit fünf Hybrid-Motoren sowie einer kompletten Digitalisierung ist er auch technologisch ein durch und durch modernes Fahrzeug.

Digital-Cockpit gewöhnungsbedürftig

Vielleicht aber auch etwas zu modern für die klassische Kundschaft. Ein Grund für die Kaufzurückhaltung könnte nämlich nicht zuletzt die komplette Neugestaltung von Cockpit und Infotainment sein. Ähnlich wie vor Jahren BMW-Kunden mit dem inzwischen gängigen i-Drive-Bediensystem haderten, wird sich der traditionelle Golf-Fahrer auch erst noch mit dem so genannten „Innovision Cockpit“ anfreunden müssen. Denn statt Tasten und Drehschalter finden sich hier nun sensitive Bedienfelder und Displaylandschaften, auf denen getatscht, geschoben, gewischt und gespreizt werden muss, um die schier unüberschaubaren Funktionen und Informationen aufzurufen. Das sieht auf den ersten Blick sehr clean und cool aus, ist allerdings längst nicht so intuitiv zu bedienen wie beim Vorgänger. Beispielsweise führt der (unbeleuchtete) „Touchslider“ unterhalb des Zentralmonitors, bei dem man mit den Finger hin und her streicht, um Lautstärke und Temperatur zu regulieren, nicht selten zu Fehlbedienungen. Weshalb man sich dabei ertappt, häufig mit der Technik zu spielen und nicht aufs Verkehrsgeschehen zu achten.

Direkte Zugrifftasten gibt es nur noch auf dem Lenkrad, links daneben auf der „Licht- und Sicht-Insel“, die neben den klassischen Beleuchtungsfunktionen auch die Front- und Heckscheibenheizung vereint, sowie unterhalb des mittigen (8,25 bis 10 Zoll großen) Zentralmonitors für Klimatisierung und Fahrprogramme.

Hingucker Head-up-Display

Am Ende half in unserem Testwagen auch die optionale (nur in Verbindung mit dem Multimediasystem „Discover Pro“ für 1861,15 Euro) Sprachbedienung, die nach Zuruf „Hallo Volkswagen, mir ist kalt“ mit „es wird gleich wärmer“ antwortet und die Temperatur um ein Grad höher dreht. Auch Navi- oder Musikanweisungen führte die virtuelle Assistentin – mit der einen oder anderen Konkretisierung – korrekt aus. Ein echter Hingucker, wenn auch ebenso nur gegen Extra-Euros (682,36) zu haben, ist das Head-up-Display, das Fahr- und Navigationsinfos, Verkehrszeichen und Warnmeldungen in brillanter Qualität auf die Frontscheibe projiziert.

In ihrem Innovationsdrang schossen die Wolfsburger aber auch schon mal übers Ziel hinaus, wie am Beispiel der USB-Anschlüsse zu sehen. Die gibt es zwar, vorne wie hinten, gleich zweifach, jedoch ausschließlich im USB-C-Format, bei dem selbst der Elektronikfachmarkt-Experte auf die Frage nach einem entsprechenden Ladekabel den Kopf schüttelte und nur mit einem Adapter dienen konnte. Wenigstens eine USB-A-Schnittstelle für gegenwärtig gängigen Ladekabel wäre hier sinnvoll gewesen.

Ruckeliges DSG-Getriebe

Leicht gewöhnungsbedürftig ist auch der puristische Shift-by-wire-Kippschalter in der Mittelkonsole, mit dem sich das serienmäßige verbaute Sieben-Gang-Direktschaltgetriebe per Fingerdruck oder -zug bedienen lässt. Leider scheint die Elektronik hier manchmal zu schnell für die Mechanik. Beim Anfahren, Abbiegen oder spontanen Ampelstopps jedenfalls hadert die Doppelkupplung nicht selten mit der richtigen Gangwahl, was sich dann in einem unschönen Ruckeln zeigt. Vor allem beim Rückwärtsrangieren ist ein sensibler Gasfuß gefragt, wenn man nicht den Poller oder Hintermann anstupsen will.

Dabei war unser Golf 1.5 e-TSI mit einem 48-Volt-Startergenerator samt kleinem Lithiumionen-Akku ausgerüstet, der gerade beim Anfahren einen kleinen elektrischen Schubser für ein noch schnelleres Ansprechen geben soll. Vor allem aber soll das Mildhybridsystem helfen, Sprit zu sparen, indem es im Leerlauf und bei konstanter Fahrt den Motor abschaltet. Was in der Praxis tatsächlich auch tadellos funktioniert. In der Stadt mit reichlich Stop-and-Go-Verkehr näherten wird uns wir mit 5,0 Liter im Mittel dem offiziellen Normwert (4,8 Liter) stark an. Auch wenn der Testverbrauch am Ende mit längeren Landstraßen- und Autobahnetappen bei 6,2 Liter landete, sind das ausgezeichnete Werte.

Dickes Lob fürs Fahrwerk

An dem Turbobenzin-Direkteinspritzer selbst gibt es nichts zu kritteln. Mit 150 PS (110 kW) und 250 Newtonmetern Schub von 1500 bis 3500 Umdrehungen ist der Motor für jedes Manöver bestens gerüstet. Ob den Standardsprint auf Tempo 100, das Bummeln und Beschleunigen aus hohen Gängen oder das konstante Dahingleiten, ohne hörbare Anstrengung und mit großer Laufruhe erledigt der spritzige und aufmerksame Vierzylinder seinen Job. Ein dickes Lob verdient das perfekt abgestimmte Fahrwerk, das dank Mehrlenker-Hinterachse und eines neuen elektronischen Fahrdynamik-Managers ein geradezu narrensicheres und stabiles Handling ermöglicht. Die präzise und feinfühlige Lenkung trägt ihren Teil zum sicheren Fahrerlebnis bei.

Wer es etwas dynamischer braucht, muss zur adaptiven Fahrwerksregelung (1019 Euro) greifen, mit der für jedes Rad in Sekundenbruchteilen die erforderliche Dämpfung an den vier Stoßdämpfern eingestellt wird. Außerdem lassen sich damit die bekannten Fahrprofile Comfort und Sport – wiederum per Slider – weiter nach oben oder unten ausdehnen. Dabei wird jenseits von Comfort die Karosserie für ein sänftenhaftes Gleiten maximal von der Straße entkoppelt, während oberhalb von Sport eine maximale Dämpfung deutlich minimierte Karosseriebewegungen und zugleich direkte Fahrzeugreaktionen ermöglicht. Noch einen Tick sportlicher wird es, wie in unserem Fall, mit der optionalen (210 Euro) Progressivlenkung, die den Golf mit leichter Hand wie auf Schienen ums Eck zirkeln lässt.

Die Preise des derzeitigen Golf-Topmodells 1.5 e-TSI bewegen sich ab 29.687,23 leider ebenfalls auf hohem Niveau. In der zweithöchsten Ausstattung Style (ab 31.905 Euro) fuhr unser mondsteingrauer Testwagen vor, ab Werk immerhin schon unter anderem mit ergonomisch geformtem Fahrersitz inklusive Massagefunktion, Drei-Zonen-Klimaautomatik, 30-farbiges Ambiente-Licht, 17-Zoll-Alufelgen sowie einem großen Heer an Assistenzsystemen, darunter einem automatischen Distanzregler und dem Travel Assist. Mit allen hier beschriebenen Features klettert der Preis allerdings auch schnell auf rund 40.000 Euro – und bleibt dann doch immer noch ein Golf.

Fazit: Golf bleibt Golf. Auch in der achten Generation setzt der Kompaktklassen-Primus die Messlatte hoch. Mit solider Verarbeitungsqualität, überzeugender Motorperformance und einem gekonnt ausgewogenen Fahrverhalten kaschiert der Golf 1.5 eTSI sogar die kleinen Software-Nickligkeiten. Allein bei den Preisen scheint der „Volkswagen der Deutschen“ langsam dem Volk davon zu fahren. (ampnet/fw)