Exklusiv: Urlaub im Reisemobil: Einsteiger sollten üben

Foto: Auto-Medienportal.Net/Michael Kirchberger

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Camping-Urlaub liegt voll im Trend. Nicht nur aufgrund der neuen Hygieneregeln, die sich im Eigenheim auf Rädern am ehesten einhalten lassen. Der kräftige Zuwachs der Zulassungen zeigt auf, dass in diesem Jahr viele Einsteiger zum ersten Mal mit einem Reisemobil auf Tour gehen. Grund genug, sich vor Antritt der Fahrt mit den neuen Dimensionen und den Besonderheiten des Fahrzeugs vertraut zu machen.

Deutschland lechzt nach Urlaub, die Campingplätze ächzen unter der Flut der Anfragen. Auf den Straßen in die vorzugsweise deutschen Ferienregionen wird sich mit Ferienbeginn eine Karawane von Reisemobilen auf den Weg machen. Und viele ihrer Chauffeure sind zum ersten Mal mit einem Fahrzeug unterwegs, das meist deutlich breiter und höher als zwei Meter ist. Auch die Länge stellt mit sechs und mehr Metern neue Herausforderungen, das Gewicht von bis zu 3,5 Tonnen und mehr ebenso. Grund genug, vor Fahrtantritt ein paar Proberunden zu drehen.

Üben vor dem Baumarkt

Ein Großparkplatz vor dem Baumarkt oder Einkaufszentrum bietet hierfür an einem Wochenende die besten Voraussetzungen, sich mit Größe und Gewicht vertraut zu machen, meint der ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Dass ein Wohnmobil deutlich gemütlicher beschleunigt als eine Limousine, merkt jeder auf Anhieb. Dass dessen Bremsweg deutlich länger ist, wird hoffentlich nicht erst bei einem Notstopp deutlich. Deshalb heißt es immer auf den ausreichenden Sicherheitsabstand zu achten. Auch in Kurven oder bei Ausweichmanövern bewegt sich das Mobil behäbiger als ein Personenwagen. Sein Schwerpunkt liegt wesentlich höher, die große Seitenflächen machen empfindlich gegen Seitenwind.

Stauraum gibt es in den meisten Reisemobilen im Überfluss. Die Grenze zieht da eher die erlaubte Zuladung, die schneller erreicht ist als mancher ahnt. Denn die Hersteller geben meist nur die Basisgewichte an, alles, was als Extra bestellt wird, schmälert das Gewicht, das an Ausrüstung und Vorräten eingepackt werden darf. Ein Beispiel? Ein teilintegriertes Mobil wiegt 2950 Kilogramm, es scheint also satte 550 Kilogramm Zuladung zu erlauben. Aber der Besitzer hat eine Markise bestellt (30 Kilogramm), eine Sat-TV-Anlage (20 Kilogramm), die Klimaanlage bringt es auf 15 Kilogramm und die Solaranlage mit größerer Batterie schmälert die Zuladung nochmal um 30 Kilogramm. Die sinkt damit um fast zwei Zentner.

Wenn jetzt vier Camper an Bord gehen, ihre Fahrräder in die Heckgarage schieben, eine Kabeltrommel, Adapterkabel und Auffahrkeile einpacken, Vorräte sowie Garderobe verstauen und am Ende gar den 100 Liter großen Frischwassertank voll machen, haben sie die 3,5-Tonnen-Grenze schon weit hinter sich gelassen. Überladen sinken Fahr-Tauglichkeit und –Sicherheit des Mobil. Der Bremsweg verlängert sich noch einmal, die Reifen werden überstrapaziert. Zudem drohen bei Überladung kräftige Strafen, neben geforderten Bußgeldern werden dafür Punkte vergeben, in extremen Fällen darf das Fahrzeug nicht weiterfahren.

Mehr als eine Tugend: Auf die Waage mit dem Wohnmobil

Die beste Kontrolle ermöglicht eine Fahrt zur Waage. Sie ist bei städtischen Betriebs- oder Wertstoffhöfen zu finden, auch der TÜV und manche ADAC-Plätze weisen eine vor. Wer alleine mit dem unbeladenen Fahrzeug das Gewicht ermittelt, muss jedes Ausrüstungsstück daheim vor dem Umladen auf die Waage legen. Das Gewicht der Mitfahrer sollte denen bekannt sein und muss ebenfalls addiert werden. Bei modernen Mobilen gibt es Frischwassertanks, die sich kontrolliert mit einem Reisevorrat von 10 oder 20 Litern befüllen lassen, erst am Urlaubsziel wird dann die volle Kapazität genutzt.

Parken in der Stadt ist mit einem Siebenmeter-Gefährt schwierig. Gerne fahren Reisemobilisten daher auf die Parkplätze von Supermärkten und nutzen die Erlaubte Parkzeit vor oder nach dem Einkauf für einen kleinen Stadtbummel. Doch auch die Parkflächen hier sind für sieben Meter zu knapp. Wer sich an den Rand stellt, wird gewiss nicht belangt, wenn er zwei Parkbuchten nutzt. Oder er fährt das Heck des Wohnmobils über einen Begrenzungsstreifen, wobei peinlich genau darauf zu achten ist, dass es zu keiner Grundberührung mit Grünbewuchs oder gar dem Bordstein kommt. Nachhaltige Beschädigung am Unterboden des Mobils könnte die Folge sein. Die Kontrolle durch den Beifahrer ist hier beim Rangieren unbedingt notwendig, eine Rückfahrkamera hilft nur bedingt.

Gute Reisevorbereitung ist für erholsame Ferien überaus wichtig. Wer erst kurz vor dem Abendessen beginnt, einen freien Stell- oder Campingplatz zu suchen beginnt, wird meist nicht mehr fündig. Gerade jetzt, wo immer mehr Reisemobile auf Tour gehen, ist die Routenplanung mit vorheriger Reservierung eines Übernachtungsplatzes unabdingbar. Zumal viele Anbieter in Corona-Zeiten keine Urlauber ohne Voranmeldung aufnehmen. Zur Not finden sich vielleicht Parkplätze an Bundestraßen und Autobahnen, auf denen das Übernachten „zum Zweck der Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit“ erlaubt ist. Wohlgemerkt – Übernachten, nicht Campieren.

Fahren üben mit dem Reisemobil, das bieten einige Hersteller seit geraumer Zeit an. Auch der ADAC veranstaltet Kurse für Camper, hierbei ist oft eine Wiegeaktion eingeschlossen. Vom 10. bis 12. Juli 2020 etwa lädt der Autoclub ins Fahrsicherheitszentrum Hannover/Laatzen ein, wo für 25 Euro Teilnehmergebühr geübt werden kann (www.adac-niedersachsen.de). (ampnet/mk)