Exklusiv: Feiern hinter der Frontscheibe

Foto: Auto-Medienportal.Net/Autokino Schüttorf

Foto: Auto-Medienportal.Net/Autokino Schüttorf

Die ersten Geschäfte öffnen zwar wieder. Für kulturelle Events, speziell für Kinos, sieht es dennoch bis auf weiteres düster aus. Einnahmen in Höhe von 17 Millionen Euro gehen laut Hauptverband Deutscher Filmtheater der Branche gerade verloren – pro Woche. Dafür erlebt ein längst vergessenes Vergnügen unter freiem Himmel einen regelrechten Boom: die Autokinos.

Überall in Deutschland schießen aktuell Autokinos wie Pilze aus dem Boden. Gab es vor der Corona-Krise in ganz Deutschland gerade noch mal fünf ganzjährig betriebene Autokinos, darunter das erste und älteste in Gravenbruch bei Frankfurt oder das im schwäbischen Kornwestheim mit je zwei Leinwänden und insgesamt Platz für knapp 1000 Autos, vergeht zurzeit kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in der Republik ein neues Drive-in-Kino aufmacht. Viele davon nur als zeitlich begrenzte „Pop-up-Autokinos“, die meist von örtlichen Kinobetreibern initiiert und im Verbund mit lokalen Sponsoren wie Autohäusern oder Bierverlagen auf ungenutzten Messeparkplätzen und Freiflächen aufgezogen werden. Andere fest stationierte wie das Autokino in Köln-Porz, das ebenfalls bis zu 1000 Autos aufreihen kann, rüsten mit hochmodernen Laserprojektoren und neuen Soundsystemen auf. Und täglich kommen neue hinzu.

Autokino-Boom in NRW

Bei der Bundesnetzagentur, die für die Vergabe von geeigneten UKW-Frequenzen für die Übertragung der Filmtonspuren in die Autoradios zuständig ist, stapeln sich die Anträge. Seit dem 1. März hat die Bundesbehörde bereits in 245 Fällen Frequenzen für den Betrieb von Autokinos genehmigt. „Vor der Corona-Krise wurden nur sehr vereinzelt Frequenzen beantragt“, sagt Bundesnetzagentur-Sprecher Fiete Wulff. Ein regelrechter Boom findet derzeit offensichtlich in Nordrhein-Westfalen statt. Mit aktuell 78 Zuteilungen führt das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland die Liste der Bundesnetzagentur mit weitem Abstand vor Baden-Württemberg (48) und Niedersachsen (31) an.

Egal, ob in Essen, Düsseldorf, Bochum, Recklinghausen, Bottrop, Herne, Krefeld, Solingen, Marl oder Mönchengladbach. Überall findet sich ein Messe-, Park- oder Freibad-Parkplatz, auf dem bis zu 300 Autos vor einer Leinwand stehen, auf dem aktuelle Blockbuster-Filme wie „Avengers Endgame“ und „Star Wars“ oder Klassiker wie „Pulp Fiction“ und „Manta, Manta“ laufen. Manchmal sind aber auch die Kinos selbst die Highlights. So etwa das Autokino in Dortmund, wo vor der beeindruckenden Kulisse des ehemaligen Hochofen Phoenix-West auf einer Fläche mit 250 Stellplätzen bis Ende Juni täglich nach Einbruch der Dunkelheit Filme wie „Die Eiskönigin II“ „Joker“ oder „Drive“ gezeigt werden. Auch das „Motor Movie“ in Mülheim an der Ruhr punktet auf dem Gelände des Flugplatzes Essen/Mülheim vor einer Hangar-Kulisse.


Musikfestivals und Disos

„Aktuell liegen uns zahlreiche weitere Anträge auf Frequenzzuteilung für Autokinos und zunehmend auch für kulturelle Veranstaltungen wie etwa Musikfestivals vor, die zügig bearbeitet werden“, versichert der Pressechef der Bundesnetzagentur. Der Zuteilung voraus geht immer eine Prüfung, damit beispielsweise sicherheitsrelevante Frequenznutzungen wie der eines Flugnavigationsdienstes nicht gestört werden. Ob das Autokino dann tatsächlich in Betrieb gehen kann, wird von den Behörden vor Ort entschieden.

Denn neben den rundfunktechnischen Prüfungen müssen die Betreiber die aktuell geltenden Hygiene-Auflagen erfüllen. So sind zurzeit noch maximal zwei Personen pro Fahrzeug zugelassen, Eltern mit Kindern ausgenommen. Fenster und Türen müssen geschlossen bleiben, bei Cabrios auch die Verdecke. Tickets werden nur online verkauft und werden bei der Einfahrt durchs Fenster abgescannt. Der Gang zur Toilette, die oft nur aus Dixie-Klos besteht, ist nur eingeschränkt und mit großem Abständen erlaubt. Dazu kommen Preise von rund 10 Euro pro Person, wobei teilweise auch mitgebrachte Speisen und Getränke nicht erlaubt sind. Trotz all dieser Einschränkungen sind die Vorstellungen zumeist schnell ausverkauft.

Leihauto-Ticket für Öffi-Fahrer

Denn die Menschen dürsten offenbar nach solchen Kultur-Events auf Rädern. Drei Viertel aller Autobesitzer können sich vorstellen, Kino-Darbietung durch die Windschutzscheibe zu verfolgen, hat „AutoScout24“ in einer aktuellen Umfrage herausgefunden. Neben dem klassischen Autokino sind für viele aber auch Live-Konzerte und Theater-Aufführungen denkbar. Nach dem wochenlangen Corona-Couch-Dasein scheint die Lust auf jede Form von öffentlichen Veranstaltungen groß, trotz aller staatlich verordneten Einschränkungen. „Bereits das Gefühl, mit anderen Gleichgesinnten ,Auto an Auto‘ auf einem Parkplatz zu stehen, schafft in dieser ungewöhnlichen Zeit ein Gefühl von Community“, sagt Michael Brill, Geschäftsführer der Veranstaltungsagentur „D.Live“, die in Düsseldorf seit 20 Jahren Freiluftkinos betreibt.

Gleich ein ganzes Festival soll in Oldenburg stattfinden, bei dem ab dem 21. Mai zehn Tage lang Blockbuster vom neuesten Stars-Wars-Streifen bis zu Klassikern wie Dirty Dancing, aber auch Arthouse-Filme gezeigt werden sollen. Auf dem Außengelände der Weser-Ems-Hallen können mit dem notwendigen Sicherheitsabstand etwa 200 Autos stehen. Auch im benachbarten Bremen läuft bereits eine Autokino-Reihe, in Georgsmarienhütte im Landkreis Osnabrück startet Anfang Juni die Autokino 2020. Im Autokino Chemnitz vor der Messe gibt es sogar für überzeugte Rad- oder Öffi-Fahrer „Leihauto-Tickets“, mit denen man in einem der fünf dafür hergerichteten Fahrzeuge auf dem Gelände Platz nehmen kann.

Autokino als Vehikel für andere kulturelle Events

In der sächsischen Metropole wird das Autokino zugleich auch zum Vehikel für andere Formen der kulturellen Darbietung, sei es Musik, Kabarett, Poetry Slam oder Puppentheater. Ein Trend, der sich zunehmend auch in anderen Autokinos und Spielstätten wiederfindet.
In Frankfurt etwa startet das Projekt „Stage Drive“, bei dem der Focus auf Live-Shows und Comedy-Entertainment liegen soll. Auf dem Parkplatz an der Jahrhunderthalle der Mainmetropole passen rund 300 Pkw vor eine Bühne, flankiert von zwei 50-Quadratmeter-LED-Screens, auf der Spaßmacher wie Urban Priol, Bülent Ceylan und Ingo Appelt auftreten sollen.

Auch in Hannover sind neben einem Autokino am Messegelände mehrere Live-Konzerte mit Musikern wie Sasha, Revolverheld oder den Lokalmatadoren Fury in the Slaughterhouse auf einer Bühne auf dem Schützenplatz geplant. Michael Schulte, der Deutschland 2018 beim Eurovision Song Contest vertrat, soll dort ebenfalls spielen. „Das wird sicherlich ungewohnt sein, gefühlt vor einem riesigen Parkplatz mit Autos zu spielen und Menschen nicht direkt zu sehen“, sagte der 30-Jährige dem NDR. Auch die ersten Autohersteller haben das Autokino als Marketing-Bühne entdeckt. So hat Seat für Freitag, 15. Mai 2020, gemeinsam mit Sat.1 ein Live-Konzert mit dem Popsänger Tim Bendzko im Autokino Düsseldorf, in dem zuvor auch schon die Rapper Sido und Alligatoah die Lichthupen zum Blinken brachten, angekündigt.

Drive-in-Rave in Schüttorf

In Schüttorf ist das schon seit Wochen Programm. In der niedersächsischen Kleinstadt nahe der holländischen Grenze findet am kommenden Wochenende bereits zum siebten Mal ein Drive-in-Rave mit 250 Autos statt, inklusive Pyro-Show, CO2- und Konfetti-Kanonen und großformatigen LED-Leinwänden. Auf der Bühne dreht ein DJ an den Turntables, der Sound kommt über das Radio in die hübsch mit 1,5 Meter Abstand aufgereihten Autos, in denen jeweils zwei Menschen hinter der Frontscheibe hüpfen und headbangen. Demnächst dürfen auch vier Personen in ein Fahrzeug. Aussteigen ist nur im Notfall und für Toilettengänge erlaubt. Und das auch nur mit Maske und maximal eine Person pro Auto.

Trotzdem herrscht an jedem Wochenende ausgelassene Partystimmung. „Die ist manchmal sogar besser, als wenn das ein normaler Clubabend wäre“, erzählt Veranstalter Holger Bösch. Seit mehr als 30 Jahren betreiben er und sein Bruder in Schüttorf den Club Index. Nach der corona-bedingten Schließung eröffneten sie kurzerhand auf dem angrenzenden Parkplatz die Autodisco. Der Kontakt mit dem DJ läuft per Lichthupe, Scheibenwischer oder Airsticks und Jubelwürsten aus dem Seitenfenstern, die immerhin heruntergelassen werden dürfen.

Alkohol ist natürlich auch im Spiel. Deshalb hat die örtliche Polizei an jedem Wochenende ein Auge mehr auf die Veranstaltung. Doch bislang gab es keinen Ärger. „Alle halten sich an die Vorgaben“, berichtet Nils Bösch, der Neffe des Geschäftsführers, der inzwischen auch immer mehr auswärtige Kennzeichen in den Autoreihen registriert. Das Einzugsgebiet der reicht inzwischen von Amsterdam bis Hamburg. Sogar aus Bayern kamen schon die ersten Ticketanfragen. „Die Leute sind wie ausgehungert, irgendwas zu erleben“, sagt Bösch. (ampnet/fw)